Die NS-Verfolgung Homosexueller in Leipzig sichtbar machen – erinnern für die Zukunft

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In Deutschland, auch in Leipzig, wird dieser Tage wieder mit bunten und friedlichen Demonstrationen der Christopher-Street-Day (CSD) selbstbewusst gefeiert und gleichzeitig ein Zeichen für Akzeptanz, Toleranz und Gleichstellung gesetzt. Der CSD erinnert an den ersten, bekannt gewordenen Aufstand von Homosexuellen und anderen sexuellen Minderheiten gegen die Polizeiwillkür in der New Yorker Christopher Street am 28. Juni 1969.

Am 27. Januar 2012 wird dagegen auch in Leipzig wieder der Befreiung von Auschwitz und damit der Opfer des Nationalsozialismus gedacht werden. Vor diesem Hintergrund hat die Stadtratsfraktion Bündnis 90/Die Grünen beantragt, die Wanderausstellung "Ausgrenzung aus der Volksgemeinschaft – Homosexuellenverfolgung in der NS – Zeit" nach Leipzig zu holen.

Die Verfolgungsgeschichte der Homosexuellen während der Nazi-Zeit wurde über Jahrzehnte tabuisiert. Beginnend mit dem nationalsozialistischen Machtantritt 1933 wurde die gesamte Infrastruktur der ersten deutschen Homosexuellenbewegung zerschlagen. Lokale wurden geschlossen. Vereine, Verlage und Zeitschriften wurden aufgelöst. Insbesondere homosexuelle Männer wurden systematisch verfolgt und polizeilich erfasst. Schwule Männer wurden in Konzentrationslager verschleppt, mit dem Tragen des „Rosa Winkels“ erniedrigt und bestialisch gefoltert. Viele von ihnen wurden zu Tode geschunden oder ermordet.

Erst in den letzten zwei Jahrzehnten wurde die NS-Verfolgung homosexueller Menschen schrittweise auch zum Bestandteil der staatlichen Erinnerungspolitik. Doch selbstverständlich ist dieses Erinnern keineswegs. Immer noch wird in Reden zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus die Verfolgung homosexueller Menschen verschwiegen, ignoriert oder relativiert. In Leipzig wie übrigens auch in Sachsen gibt es keine öffentlichen Mahnmale, die Bezug nehmen auf die NS-Verfolgung Homosexueller. Mahnmale als Stätten der Erinnerung können aber auch erst dann ihre erwünschte Wirkung entfalten, wenn sie im kollektiven Gedächtnis die Erinnerung an die Verfolgten wach halten. Bis heute ist über homosexuelle NS-Opfer in unserer Stadt jedoch kaum etwas bekannt. Eine systematische historische Forschung und Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verfolgung von Homosexuellen in Leipzig gibt es nicht.

Mit ihrem Antrag will die Stadtratsfraktion Bündnis 90/Die Grünen dazu beitragen, die NS-Verfolgung von homosexuellen Menschen mit ihren weitreichenden Folgen über 1945 hinaus auch auf lokaler Ebene zu thematisieren. Die Wanderausstellung des Kulturring in Berlin e.V. soll seitens der Stadt ergänzt werden um einige, mittlerweile bekannte Schicksale schwuler Männer aus Leipzig und Umgebung, die der NS-Verfolgung ausgesetzt waren. Zu nennen wären beispielsweise die Lebensgeschichten und Leidenswege von Walter Schwarze, Rudolf Brazda oder Willy Angermann. Brazda ist der wohl letzte überlebende Zeitzeuge, der den „Rosa Winkel“ trug. Die Stadtratsfraktion 06.07.2011 Bündnis 90/Die Grünen regt deshalb an, die Stadt Leipzig möge Herrn Brazda zum nächsten Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27.01.2012 einladen.

Mit einem Begleitprogramm soll das Ausstellungsthema zudem eine weitere inhaltliche Vertiefung erfahren, um eine noch breitere Reflexion des Themas zu ermöglichen. Dabei soll es sich nicht nur an Erwachsene, sondern auch an Jugendliche richten bzw. für Schulklassen geeignet sein. Denn mit dem Erinnern und dem gleichzeitigen Bemühen den Verfolgten wieder einen Namen zu geben soll, soll zugleich an die Gegenwart appelliert werden. Ziel soll es sein, der NS-Verfolgung homosexueller Menschen auch in Leipzig als mahnendes Exempel einen festen Platz in Erinnerung und Gegenwart zu verschaffen.

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